War es Pilgern oder Wandern? Reisebericht nach Bad Wilsnack. (66KM)

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War es Pilgern oder Wandern? Reisebericht nach Bad Wilsnack. (66KM)

Wenn du wissen möchtest was es bedeutet, erstmal seine Grenzen kennenzulernen, sie zu erfahren und dazu, wie es sich anfühlt in seiner persönlichen Hölle zu sein und als Ergebnis dessen, seine eigenen Grenzen mithilfe des richtigen Mindsets und inneren Motoren zu sprengen, dann könnte dir dieser Artikel gefallen. Bleib dran!

Ich möchte euch einiges über meine geplante Pilgerreise nach Bad Wilsnack erzählen.
Bad Wilsnack war im Mittelalter einer der größten Pilgerorte in ganz Europa. Neben dem heute noch berühmten Jakobsweg in Frankreich/Spanien, war Bad Wilsnack das Ziel vieler Menschen um sich Segen in ihrem Leben zu hohlen und alte Last abzustreifen. Man sagte, dass das viele Laufen und die daraus resultierenden wunden Füßen, einen von Sünden befreie und der Mensch dadurch Gott näher kommen würde. Viele Menschen wurden in Mittelalter auch als Bestrafung auf Pilgerreise geschickt, die sogenannten Bußgänge.

Die Heilige Geschichte

Bad Wilsnack hat eine interessante Geschichte. Eines Tages wurde Bad Wilsnack überfallen und niedergebrannt. Laut Legende, hatte der dort verantwortliche Priester in der verbrannten Kirche nach Überbleibsel gesucht, hatte nichts gefunden und ist zu einer anderen Stadt gegangen, um dort zu schlafen. Als er geschlafen hatte, hat ihm in seinen Traum eine kindliche Stimme gesagt, er solle doch nach Bad Wilsnack zurückkehren, um dort eine Messe abzuhalten. Als er an der Kirche ankam, fand er auf dem verkohlten Alter, ein Tuch worauf drei unversehrte Hostien (das Brot, das beim Abendmahl den Leib Christi dargestellt hat) lagen, mit jeweils einem Bluttropfen darauf. Es gibt in der kirchlichen Geschichte mehrfach Berichte über sogenannte Hostienwunder. Weiterhin soll ein Ritter, der die Hostien nicht anerkannt hatte erblindet sein und bekam sein Augenlicht erst wieder, als er Gott um Vergebung bat und Bußgänge abhielt. Es entstand in Bad Wilsnack dadurch ein sogenannter Hostienkult. Menschen betteten die Hostien an, um dessen Kraft, als eigene Heilung und Segen zu erlangen. So entstand im 13. Jahrhundert das neue Pilgerziel, das für circa 170 Jahre lang ein Ort für hunderttausende Pilger gewesen ist.

Nachdem ich mir die Geschichte durchgelesen hatte und ich sowieso in der Zukunft nichts großes geplant hatte, dachte ich mir, das kann man mal ausprobieren.
130 Kilometer hörten sich nicht viel an und so begeistert, wie ich von dieser neuen Leidenschaft des Pilgerns war, griff ich sofort zur Entscheidung, die Tour zu planen, Ausrüstungen anzuschaffen und mir eine neue Lebenserfahrung zu gestalten.
5-6 Tage hatte ich geplant, mit jeweils 20–25 Kilometer am Tag. Ein Monat hat die ganze Vorbereitung gedauert und am 08.04.2019 ging es los. Mit 17 Kilo Gepäck auf dem Rücken. Ja ich weiß… man lernt dazu. Wenn man noch nie zuvor 130Km Wandern war und das mit 17 Kilo, ohne Wandertraining, auf den Rücken vorhat und ein gewisser Größenwahn und ungezügelte Leidenschaft der Begeisterung, sich miteinander verbinden, nennt man das Naivität. Diese Naivität, wie sie anfangs bei mir dagewesen ist, hat sich in persönliche Erfahrung und Reife entwickelt. Ich habe einige interessante Erfahrungen gemacht.

Verlaufen in Hennigsdorf

Der Start war in Hennigsdorf, wo ich für meinen Pilgerpass, im Rathaus auch sofort meinen ersten Stempel bekam, um mich als Pilger auszuweisen, um eventuell nette Leistungen, wie Wasser oder eine Pension für die Nacht zu erhalten. Nachdem ich mich 2Km Verlaufen hatte, fand ich endlich den Anfang des Pilgerweges, das auch zugleich die alte Poststraßen Verbindung zwischen Hamburg und Berlin war. Auf gut gekennzeichneten Wegen machte ich mich auf den Weg. Nach einigen Kilometer kamen auch die ersten Blasen und Schmerzen am Nacken/Rückenbereich. Die richtige Rucksack Einstellung kam erst auf dem Weg. Eine meiner ersten Erfahrungen, die ich machte war, dass das meiste Geld in richtige Schuhe und Socken investiert werden sollte, alles andere ich nebensächlich. Dieser Umstand kann Entscheiden, wie viel Spaß du haben wirst.

Unwillkommen in Bötzow

Mein erstes Ziel nach Hennigsdorf, war Bötzow, nach einigen Kilometern und unglaublichen Anblicken von unberührter Natur hatte ich Bötzow erreicht. Viele Menschen guckten mich komisch an. Ich habe mich ein bisschen unwillkommen in diesen gleichen Dörfchen gefühlt. Erkenntnisse kamen noch keine, weil ich mich erst an die Last auf meinen Rücken gewönnen musste.
Weiter ging es den Rest des Tages durch den großen, einsamen und irgendwie gruseligen Krämer Wald. Am Anfang hatten mich Pferde begrüßt und ich genoss, das Streicheln und die Freundlichkeit dieser Tiere.

Alleinsein im Krämer Forst – die ersten Erkenntnisse

Als ich im Wald kam, ganz einsam, nur mit mir selbst kamen die ersten Einkehrungen. Mir ist aufgefallen, das wir Menschen alles dafür tun, um uns eine Umgebung aufzubauen, in der die Anstrengung auf ein Minimum herunterreduziert werden. Wir Menschen sind Meister darin uns Komfort Zonen aufzubauen, darin zu leben und dann zu vergessen was es bedeutet Anstrengungen zu unternehmen. Ich dachte mir, es ist kein Wunder, das wir uns Menschen allgemein so heftig durch die Technologie weiterentwickelt haben, damit wir keine 17Kg schweren Rücksäcke mehr zu schleppen, sondern es Maschinen überlassen.
Danach fing ich an, das gewohnte zu vermissen. Mein Bett, mein Heim. Im Alleinsein mit mir selbst, ist mir erst bewusst geworden, wie Dankbar ich für alles sein muss das ich habe, für das Leben das ich Leben darf. Ich sollte weniger darüber Meckern, was schlimm und anders sein sollte in meinem Leben und Anfangen dafür Dankbar zu sein, was ich alles überhaupt haben darf. Es war ein plötzlicher Wechsel meiner gesamten Lebensumstände.
Meine größte persönliche Erfahrung war es, das wir Menschen uns gegenseitig brauchen. Davor dachte ich im Mindest des einsamen Wolfes, der keinen braucht und alleine klarkommt. Kein Mensch würde so gesund bleiben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Menschen ohne Gesellschaft ziemlich schnell eingehen. Alleinsein sollte natürlich geübt sein und auch ausgehalten werden. Trotzdem haben wir Menschen etwas in uns, das ich unabhänige Abhängigkeit nennen will. Zu mindestens sollte das unser natürliches Ziel sein. Wir brauchen einandern und sollten uns alle mehr Dankbarkeit und Liebe zeigen. Das war meine größte Erfahrung denke ich.

Verantwortung 

Kurz vor dem Ende des Krämer Forstes bemerkte ich das ich kein Wasser mehr habe. Ich habe 3 Stunden gebraucht um eine nächste Wasserquelle in meiner Umgebung zu suchen und zu finden. Letztendlich befand ich mich auf den Goldplatz Kallin. Ich bin natürlich nicht über den Zaun geklettert und würde erst Recht nicht auf die Idee kommen, mir mit meiner Filterflasche Wasser aus dem Teich zu gönnen. So einer bin ich nicht ;). Nachdem meine Lippen wieder Feuchtigkeit wahrgenommen haben, bemerkte ich, was ich für viele unterschiedlichen Gefühle in mir hatte. Eine komisches ungewöhnliches Gefühl, das durch die Wassersuche aufkam und eine übergroße Freude Wasser trinken zu dürfen. Zwischenzeitlich habe ich immer wieder an mein Heim gedacht und an meine Freunde, die ich alle vermisst habe. In der schon angefangen Dunkelheit habe ich im Wald mein Zelt aufgeschlagen. Ich muss ganz ehrlich sagen, das die erste Nacht sehr angenehm und entspannt war. Es war schön Naturgeräusche zu hören. Unter anderen auch Wildschweine und Mäuse. Mein Körper verweilte in einen Modus, den ich halb Schlaf nennen würde. Ich habe mich immer wieder gefragt, habe ich jetzt geschlafen, oder war ich wach? das liegt wahrscheinlich unter anderen daran, das mein Körper in den Überlebensmodus gewechselt hat, um Gefahren aus dem Weg zu gehen. Eine Gewöhnung musste erst stattfinden.

Weiter ging es von Flatow nach Linum. Auf dem Weg ist mir aus der Seele ein einfacher aber kräftiger Spruch herausgekrochen. „Ein Schritt mehr, ist ein Schritt weniger“. Diesen Satz, hätte ich nicht nur auf meine Tour, sondern auf mein ganzes Leben übertragen können. Sachen durchzuhalten und in Angriff zu nehmen, um das Leben zu meistern ist wichtig. Verantwortung für sich selbst zu übernehmen ist wichtig. Eine weitere Erkenntnis war die, der Selbstmotivation. Keiner ist da, nur ich. Keiner wird mir sagen lauf weiter, bis in die nächste Stadt. Keiner außer ich. Ich bin verantwortlich für meine inneren Reaktionen auf meine jetzigen Umstände. Das Motivieren zum Laufen, als Selbstmotivation und Selbstverantwortlichkeit kann ich genauso auf das Leben übertragen werden.
Du bist verantwortlich für dich selbst, kein anderer.
Du bist verantwortlich dafür, inwieweit du dich selbst pusht und motivierst um Ziele zu erreichen.
Du bist verantwortlich dafür, mit deinen Emotionen umzugehen, um nicht in ihnen zu ertrinken, sondern Grenzen aufzustellen und diese Emotionen auszuhalten (im Übrigen ein großes Thema für uns Männer).

Der Archetyp des Kriegers

Das hin durchkämpfen hat mich unterbewusst in eine andere Seinsstruktur gezwungen, über die ich schon länger einen separaten Artikel schreiben wollte. Es gibt in der Psychologie, das Modell der Archetypen und am meisten kam ich in Kontakt mit meinem inneren Krieger, dem Archetypen des Kriegers, der unter anderen dafür verantwortlich ist, zu kämpfen, eigene Aggression in konstruktive Bahnen zu lenken und dadurch Ziele zu erreichen. Wie unterentwickelt oder entwickelt diese innere Struktur ist, merkt der Mensch in täglichen Herausforderungen des Lebens.
Jedenfalls kam ich damit in Kontakt und habe es, wie ich empfinde deutlich weiter-entwickelt. Ich habe eine immense Kraft in mir, eine immense Willensstärke und diese habe ich mir auf dieser Tür bewiesen und bin sehr Stolz auf mich.

Was ist wirklich Pilgern ?

Als ich Linum erreichte, brauchte ich erstmal eine längere Pause. Ich begegnete einen Menschen, er mir die Bedeutung des Pilgerns nochmal deutlich vor die Augen geführt hat. Dort gibt es eine Frau die Schwester Anneliese heißt und für die Kirche/Kirchenführung verantwortlich ist. Sie sagte c.a „Im Pilgern geht es nicht darum, das man etwas erreicht, oder schöne Erlebnisse macht, sondern das man drauf hoffen kann mit Gott in näherer Verbindung zu kommen“. Mir kamen Freudentränen, weil sich diese Erklärungen und Ratschläge dieser alten weisen Frau, wie alt-geschichtliche Filmszenerien anfühlten. Ein Pilger stoß auf einen weisen Führer. Danach gab mir die Schwester eine persönliche Kirchenführung, nur für mich!
Als ich weiter ging, stieß ich auf weitere Menschen, die mich neugierig anschauten und sehr freundlich gesinnt waren. Ich bekam eine Flasche leckeren Apfel/Birnensaft geschenkt. Sehr lecker, danke nochmal!

Ist Aufgeben eine Option ? 

Mein körperlicher Zustand und die Worte dieser überzeugten Frau brachten mich in bedenken. Inwieweit Pilger ich, um mir selbst zu beweisen, dass ich das Ziel Bad Wilsnack erreichen kann, als das ich in Kontakt mit etwas komme, dem ich den Namen „Gott“ geben kann. Ersteres ist nicht schlecht, aber ich müsste es, dann wandern nenne und nicht pilgern. Irgendwie war ich mir ab da unsicher, inwieweit alles weitergehen soll, und wo meine wirklichen Interessen steckten.
Als nächstes wanderte ich nach Fehlbellin und kurz danach, schlug ich voll ermüdet und Verzweifelt mein zweites Nachtlager auf. Als ich im Zelt war, weinte ich mir erstmal meine Seele aus. Ich wusste, das ich mit meinem körperlichen Zustand nicht nach Badwilsnack kommen werde. Ich war hingerissen zwischen der Peinigung meines Körpers bis zum Ende oder dem vorläufigen Aufgeben mit dem Ergebnis, das ich von mir selber Ent-täuscht werde.

Konfrontation mit der Reailität – ein königlicher Traum

Hier kamen die nächsten Erfahrungen. Nicht alles läuft immer so, wie der Mensch es plant. Ich bin keine Übermensch, der seinen eigenen Körper überlisten kann. Ich weiß, wo meine Grenzen liegen und ich muss sie respektieren. Ab dem Punkt kam eine Unterscheidung in mir. Ego und Ego-Stolz vs. Realität und wirklichen Stolz. Ich dachte mir, ich bin der Über-Mensch, der alles Unmögliche schaffen kann, also werde ich es weiter versuchen und um jeden Preis mein Ziel erreichen. In dem Denken befand sich mein Ego und falscher Stolz als Mensch, der daraus resultierte. Helden-denken. Als ich die Realität erkannte und merkte, so kann es nicht weitergehen, weil ich meine Grenze erreicht habe, transzendierte meine Sichtweise darüber. Erstmal übernahm ich Verantwortung für mich selber und meinen Körper, ich merkte, dass ich verloren habe. Ich habe mein Ziel nicht erreicht. Ich bin sterblich. Ich habe meine Grenze gefunden und musste diese nun einhalten. Ich musste mein Ego runter nehmen und mir Selbst-Liebe schenken. Ich erfuhr, wie Stolz ich auf mich sein kann. Mit der nächsten Etappe bis zum Bahnhof wäre es über die Hälfte des Weges, nämlich 66Km. Ich erfuhr authentischen Stolz, nicht meinen zuvor aufgesetzten Ego-Stolz.
Der Traum, in dieser Nacht bestätigt meine Erkenntnisse. Es war ein wunderschönes Erlebnis, mit einem Aha-Effekt als ich aufwachte.
Ich träumte ich wäre ein prächtiger König, mit Krone auf dem Kopf und Kugel in der Hand. Eine wunderschöne Basis für eine Traumanalyse. Meine Interpretation ist, dass ich mit dem inneren Archetyp des Königs in Kontakt kam. Dieser Archetyp, steht für die Seinsstruktur in uns, die Verantwortung übernimmt, grenzen setzt und dem „gemeinen Volk“ positive Selbstbekräftigung schenkt. Er bringt das Reich (innere) zum Blühen.
Genau das tat ich an der Nacht zuvor, ich war mein König. Vielleicht integrierte ich gewisse psychologische Strukturen in mich, da ich mit der Realität in Kontakt kam und so mehr Ich-Selbst wurde. Die Kugel, die für Ganzheit steht, könnte das z.B. symbolisieren, aber auch vieles mehr.

Meine persönliche Hölle

Jedenfalls machte ich mich wieder auf den Weg und glaubt mir, die letzten 19 Kilometer, nach ursprünglich Wusterhausen, jedoch geändert letztendlich nach Neustadt, weil ein Kilometer weniger, waren meine persönliche Hölle. Ich war verzweifelt, heulte, schrie wie ein wildes Tier, weil die schmerzen unerträglich waren. Ihr müsste euch vorstellen, das zwei Tage danach, also jetzt, wo ich diesen Bericht schreibe, ich immer noch nicht laufen kann und mein rechter Fuß angeschwollen ist.
Jedenfalls wusste ich, dass die einzige Linderung, das Erreichen dieses Bahnhofes war. Ein Kilometer wirkt normalerweise schon etwas lang, aber unter solchen Zuständen extrem lang.
Ich musste meinen inneren Krieger rausholen, schrie um der Aggressionen willen, ignorierte die Schmerzen und kam letztendlich zum Ziel.
Am Ende schickte mir Gott glaube ich ein Segen. Ich fragte zwei Motorradfahrer, 700 Meter vor meinem Ziel nach der Richtung zum Bahnhof und sie fragten mich, ob ich hinten aufsteigen wollen würde, damit sie mich hinbringen. So verzweifelt sah ich also schon aus. Es war ein Gottesgeschenk, ich war diesen beiden Jungs so unendlich dankbar und erreicht nur durch diese beiden wundervollen Menschen rechtzeitig meine Bahn nach Berlin! Wundervoll!

Ich bereue nichts. Ich kam in Kontakt zu mir Selbst und der Realität, wie sie ist. Ich bin innerlich gestorben in dieser Reise und bin wiedergeboren worden. Ich kam mit Kräften in Kontakt, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Mit Erkenntnissen, die mich zum Nachdenken brachten, auch etwas positiv in meinen Leben zu verändern, mehr Dankbarkeit zu kultivieren und menschliche Beziehungen mehr auf der Basis von Liebe, von nehmen und geben zu praktizieren. Den genau das zählt in unseren Leben. Außerdem kam mein innerer Held zu der Erkenntnis, dass er nicht unsterblich ist und auch seine Grenzen hat. Ich wurde des-illusioniert und konfrontiert mit der Realität des Lebens.

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